Cadavre Exquis als Schreibspiel: So geht es
Einfache Regeln für Cadavre Exquis mit Wörtern, ein Aufbau mit Papier, ein eigenes Gedichtbeispiel, sinnvolle Varianten und Ideen fürs Onlinespielen.
Ein Blatt Papier wandert um den Tisch. Du schreibst eine Zeile, faltest sie nach hinten und gibst das Blatt weiter. Den ganzen Text liest niemand, bevor alle Felder voll sind.
Das ist Cadavre Exquis in seiner einfachsten geschriebenen Form. Die Gruppe braucht nur Papier, Stifte und eine Regel: Frühere Beiträge bleiben verborgen. Am Ende kann ein unheimliches Gedicht herauskommen, fröhlicher Unsinn oder etwas, das überraschend gut zusammenpasst. Auch völliges Chaos ist erlaubt.
Die Regeln in einer Minute
- Versammelt mindestens drei Personen und nehmt ein Blatt Papier.
- Legt fest, was jede Person ergänzt: ein Wort, einen Satz oder eine Gedichtzeile.
- Die erste Person schreibt, faltet ihren Beitrag nach hinten und reicht das Blatt weiter.
- Alle weiteren schreiben, ohne die verdeckten Teile zu lesen.
- Wenn das Blatt voll ist, faltet ihr es auf und lest den Text laut vor.
Entscheidet vor der ersten Runde, ob die nächste Person gar nichts, das letzte Wort oder die letzte Zeile sehen darf. Ganz ohne Hinweis bleibt ihr nah am klassischen Wortspiel. Eine kleine sichtbare Spur macht das Gedicht zusammenhängender.
Was ist Cadavre Exquis?
Cadavre Exquis ist ein Gemeinschaftsspiel aus dem Umfeld der Pariser Surrealisten. Die National Gallery of Art datiert André Bretons Textversion auf 1925 und erklärt, dass die Zeichenvariante später entstand. Der ungewöhnliche Name stammt aus einem frühen Satz, den das Verfahren hervorbrachte.
Die Academy of American Poets beschreibt das Schreibspiel so: Jede Person ergänzt ein Wort, faltet das Papier darüber und reicht es weiter. Für eine Wortfolge kann die Gruppe vorher einen grammatischen Bauplan festlegen. Entscheidend ist, dass niemand weiß, was die anderen geschrieben haben.
Die Surrealisten übertrugen das Verfahren auch auf Bilder. Eine Person zeichnete den Kopf, eine den Rumpf und eine weitere die Beine. Das MoMA nennt Gedichte und Zeichnungen als zwei Formen derselben gemeinsamen Praxis (Museum of Modern Art).
Eine Papierrunde ohne lange Wartezeit
Ein einzelnes Blatt braucht in einer großen Runde ziemlich lange. Schneller geht es, wenn alle mit einem eigenen Blatt anfangen.
- Faltet jedes Blatt locker wie eine Ziehharmonika in vier bis acht Felder und öffnet es wieder.
- Alle schreiben in das erste Feld ihres Blatts.
- Faltet das beschriebene Feld nach hinten, bis die Wörter verschwunden sind.
- Gebt alle Blätter gleichzeitig nach links weiter.
- Schreibt ins nächste freie Feld, faltet und gebt wieder weiter.
- Sobald alle Felder voll sind, öffnet jede Person das Blatt vor sich.
So entstehen mehrere Texte in einer Runde, und niemand sieht fünf Minuten lang nur einem Stift zu. Zu zweit könnt ihr dasselbe Blatt mehrmals hin und her reichen.
Einigt euch auch auf eine kurze Länge. Eine Zeile oder ungefähr 15 Wörter reichen. Lange Absätze bremsen die Runde und nehmen den anderen Platz weg.
Wählt vorher eine Schreibvariante
Das Verstecken bleibt gleich. Die Länge jedes Beitrags verändert aber deutlich, was am Ende entsteht.
| Variante | Beitrag pro Person | Sichtbar für die nächste Person | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Wortspiel | Eine festgelegte Wortart | Nichts | Ein seltsamer Satz |
| Verdecktes Gedicht | Eine Zeile | Nichts | Die zufälligste Fassung |
| Verbundenes Gedicht | Eine Zeile | Letztes Wort oder letzte Zeile | Mehr Zusammenhang zwischen den Bildern |
| Geschichtenrunde | Ein oder zwei Sätze | Der letzte Satz | Eine Geschichte mit vielen falschen Abzweigungen |
Für das Wortspiel schreibt ihr ein Muster sichtbar auf: Adjektiv, Substantiv, Verb, Adjektiv, Substantiv. Jede Person füllt eine Stelle, ohne die anderen Wörter zu kennen. Artikel und Verbform könnt ihr nach dem Aufdecken ergänzen, damit sich der Satz vorlesen lässt.
Für ein Gedicht könnt ihr ein gemeinsames Thema wählen. Die Frage „Was wacht nach Mitternacht auf?“ gibt allen eine leise Richtung, obwohl die Zeilen verborgen bleiben. Für mehr Zufall lasst ihr das Thema weg.
Fehlt euch ein Anfang? Nehmt einen unserer 50 Impulse für gemeinsame Gedichte und faltet das Blatt nach der ersten Zeile zu.
Ein erfundenes Beispiel
Vier Personen schreiben je eine Zeile. Alle kennen die Frage „Was wacht nach Mitternacht auf?“, aber niemand sieht eine frühere Zeile.
Um Mitternacht knöpft die Bibliothek ihre Fenster auf.
Unter den Dielen wartet ein Fahrrad.
Jemand gießt blauen Regen in eine Tasse.
Am Morgen zeigen alle Karten nach Hause.
Dieses Beispiel entstand für diesen Artikel. Eine echte Runde ist meist weniger ordentlich. Plötzlich wechselt die Zeitform, eine Gans taucht auf und die letzte Zeile benimmt sich nicht wie ein Schluss. Lest den Text zuerst einmal unverändert vor.
Wenn ihr bearbeiten möchtet, tut das nach dem Aufdecken. Einen fehlenden Artikel zu ergänzen ist etwas anderes, als jede seltsame Wendung glattzubügeln. Die Lücken gehören zum Ergebnis der Spielregel.
Drei Hausregeln mit großer Wirkung
Zeigt die letzte Zeile
Jede Person verdeckt alles bis auf die gerade geschriebene Zeile. Die nächste bekommt einen Anhaltspunkt, kennt aber nicht das ganze Gedicht. Diese Variante liegt zwischen Cadavre Exquis und einem Kettengedicht. Sie hilft, wenn euch die völlig verdeckte Fassung zu zufällig ist.
Gebt jedem Feld eine Aufgabe
Beschriftet die Falten vorher mit Ort, Bewegung, Geräusch, Störung und Schluss. Die fremden Wörter bleiben verborgen, doch jede Zeile hat eine lockere Funktion. Für einen einzigen Satz verwendet ihr stattdessen Wortarten.
Keine Erklärungen
Schreibt Dinge, die man sehen oder hören kann. „Ein nasser Schlüssel unter dem Sofa“ bringt mehr Stoff in den Text als „Ich bin verwirrt“. Das ist eine Hausregel, keine historische Vorschrift.
Cadavre Exquis online spielen
Papier erledigt das Verstecken von selbst. Online muss die Gruppe diese kleine Hürde nachbauen.
Am einfachsten geht das mit einer Spielleitung und privaten Nachrichten. Sie schickt das Thema an die erste Person, sammelt den Beitrag ein und leitet nur den vereinbarten Hinweis weiter. Am Ende veröffentlicht sie den vollständigen Text. Dafür reicht ein normaler Gruppenchat, auch wenn die Spielleitung alles sieht.
Ein gemeinsames Dokument eignet sich weniger gut. Versionsverlauf und versehentliches Scrollen machen das Spicken leicht. Es funktioniert, wenn eine Person die Zugriffe verwaltet oder jeden Beitrag in eine private Hauptdatei kopiert.
Rhyma nutzt eine verwandte Form mit begrenztem Kontext. Jede Person sieht die vorherige Zeile, ergänzt eine eigene und gibt das Gedicht zeitversetzt weiter. Der ganze Text wird nach der letzten Zeile sichtbar. In „Welt“ schreibst du mit anderen Menschen, in einem Kreis mit deiner eigenen Gruppe. Das ähnelt der Variante mit sichtbarer letzter Zeile stärker als dem vollständig verdeckten klassischen Spiel.
Einen Vergleich mit Renga, Bouts-rimés, Kettengedichten und weiteren Formen findest du in 7 Spielen für gemeinsame Gedichte.
Kleine Regeln, die eine Runde retten
- Klärt vor dem Start, was sichtbar bleibt.
- Begrenzt die Länge, damit niemand den halben Text allein schreibt.
- Legt eine Richtung fest und behaltet sie bei.
- Entscheidet, ob Rechtschreibung und Grammatik nach dem Aufdecken geändert werden dürfen.
- Sprecht über inhaltliche Grenzen. Veröffentlicht den gemeinsamen Text nur mit Zustimmung aller Beteiligten.
Trotzdem wird vielleicht jemand spicken. Eine Zeile wird vielleicht keinen Sinn ergeben. Beides hält das Spiel aus.
Häufige Fragen
Ist Cadavre Exquis ein Schreibspiel oder ein Zeichenspiel?
Beides. Die dokumentierte surrealistische Fassung von 1925 begann mit Wörtern und wurde später als gemeinsames Zeichenspiel gespielt. Beim Schreiben versteckt man Wörter oder Zeilen, beim Zeichnen Teile einer Figur.
Wie viele Personen braucht man?
Zwei Personen können mehrere Züge übernehmen. Mit drei bis acht wandern die Blätter schnell und es kommen mehr Stimmen zusammen. Für eine größere Gruppe startet ihr mehrere Blätter gleichzeitig.
Muss sich das Gedicht reimen?
Nein. Reime können eine zusätzliche Regel sein, doch entscheidend ist der verborgene Kontext. Freie Verse, Prosasätze und einzelne Wörter funktionieren ebenfalls.
Was unterscheidet Cadavre Exquis von einem Kettengedicht?
Bei einem Kettengedicht sehen die Schreibenden oft den ganzen Entwurf oder wenigstens die vorherige Zeile. Beim klassischen Cadavre Exquis bleiben frühere Beiträge verborgen. Die Variante mit sichtbarer letzter Zeile liegt dazwischen.
Kann man zeitversetzt spielen?
Ja. Verschickt die Züge per Privatnachricht, E-Mail oder über ein Spiel mit begrenztem Kontext. Vereinbart eine Frist, damit das Gedicht nicht eine Woche lang in den Benachrichtigungen einer Person liegen bleibt.
Die Variante mit sichtbarer letzter Zeile in Rhyma ausprobieren