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7 Spiele für gemeinsames Dichten und ihre Regeln

Sieben Spiele, bei denen Menschen zusammen Gedichte schreiben: Renga, Cadavre Exquis, Bouts-rimés, Kettengedichte und Rhyma. Mit einfachen Regeln.

Gib vier Menschen ein leeres Blatt und eine seltsame Regel. Wenn das Papier zurückkommt, steht darauf vielleicht ein Gedicht, das niemand geplant hat und niemand für sich allein beanspruchen kann.

Menschen schreiben seit Jahrhunderten auf diese Weise. Bei manchen Spielen sieht man nur die vorherige Zeile. Bei anderen liegt das ganze Gedicht offen, doch Rhythmus, Endwörter oder Reihenfolge sind vorgegeben. Das Ergebnis kann sorgfältige Literatur, fröhlicher Unsinn oder etwas holprig und überraschend Gutes sein.

Hier sind sieben Spiele für gemeinsames Dichten, ihre Regeln und die Orte, an denen sie gespielt werden.

Was ist ein gemeinsames Poesiespiel?

Ein Gemeinschaftsgedicht hat mehrere Schreibende. Zum Spiel wird es durch eine vereinbarte Einschränkung: frühere Zeilen verbergen, nur auf die letzte Zeile antworten, vorgegebene Reime verwenden, einen erhaltenen Text verwandeln oder viele Stimmen um eine gemeinsame Frage sammeln.

Eine solche Regel erleichtert den Anfang. Ein leeres Blatt verlangt alles auf einmal. Ein Spiel verlangt nur einen überschaubaren Zug. Eine Zeile schreiben. Ein Endwort finden. Ein Bild aufgreifen. Danach ist jemand anderes dran.

Wenn euch vor allem die erste Idee fehlt, beginnt mit einem dieser 50 Impulse für gemeinsame Gedichte mit Freunden und Gruppen.

Vier Menschen ergänzen Zeilen in einem gemeinsamen Gedicht

1. Cadavre Exquis: schreiben, ohne das ganze Gedicht zu sehen

Das bekannteste Spiel mit verborgenem Text heißt Cadavre Exquis, auf Englisch Exquisite Corpse. Es entstand als Sprachspiel im Kreis der Pariser Surrealisten. Die National Gallery of Art datiert André Bretons Version auf 1925 und weist darauf hin, dass die Zeichenvariante erst danach entstand (National Gallery of Art).

Die Regeln sind erstaunlich schlicht:

  1. Einigt euch auf einen Satzbau oder darauf, dass jede Person eine Zeile schreibt.
  2. Die erste Person schreibt ihren Teil, faltet das Papier darüber und gibt es weiter.
  3. Alle ergänzen ein Wort oder eine Zeile, ohne die früheren Beiträge zu sehen.
  4. Erst nach dem letzten Zug wird das Blatt aufgefaltet.

Die Academy of American Poets bezeichnet das Verbergen der vorherigen Beiträge als einzige feste Regel. Man kann auch das letzte Wort oder die letzte Zeile sichtbar lassen. So bekommt die nächste Person einen kleinen Anhaltspunkt (Academy of American Poets).

Einen Aufbau mit Papier, ein eigenes Beispiel und Möglichkeiten für eine Runde auf Distanz findest du im ausführlichen Leitfaden zu Cadavre Exquis als Schreibspiel.

Der Reiz liegt in der Überraschung. Niemand kann das Gedicht sicher auf einen sauberen Schluss zusteuern. Dadurch entstehen Bilder, die beim geplanten Schreiben leicht aussortiert würden. Das Spiel funktioniert am Küchentisch, auf einer Party oder in einer Schreibwerkstatt. Online ersetzt ein privater Raum das gefaltete Papier.

2. Renga und Renku: anknüpfen und weiterziehen

Das japanische Renga ist viel älter und deutlich stärker geregelt. Die Beteiligten schreiben abwechselnd Glieder aus 5-7-5 und 7-7 Lauteinheiten. Frühe Formen verbanden zwei Dichter, später entstanden lange Folgen mit vielen Schreibenden.

Das Archiv der Universität Kyoto beschreibt Renga-Treffen während der Kamakura- und Muromachi-Zeit, an denen Adlige, Krieger und Stadtbewohner teilnahmen. Manche Folgen umfassten 100 Glieder. Detaillierte Regeln bestimmten, wann Themen, Jahreszeiten, Liebe, Mond und Blüten erscheinen durften (Universität Kyoto).

Für einen ersten Versuch genügt ein Grundsatz: anknüpfen und wechseln. Die neue Zeile verbindet sich mit der unmittelbar vorherigen, lässt das Gedicht aber nicht in derselben Szene stehen. Die Japan Renku Association erklärt, dass das dritte Glied nicht bloß das erste wiederholen soll. So bleibt die Folge in Bewegung (Japan Renku Association).

Eine lockere Version für mindestens drei Personen:

  1. Eine Person beginnt mit einem kurzen, konkreten Bild.
  2. Die nächste antwortet mit einem kürzeren Glied.
  3. Die dritte knüpft an das zweite an, verändert aber Ort, Zeit, Stimmung oder Thema.
  4. Nach 6, 12 oder 18 Gliedern endet die Runde.

Traditionelles Renga und Renku kennen viele weitere Regeln und oft eine Leitung, die Beiträge auswählt oder lenkt. Gedichte wurden auch per Brief fortgesetzt. Das Format passt deshalb zu einer Gruppe im selben Raum ebenso wie zu langsamer Korrespondenz.

3. Bouts-rimés: die Enden stehen zuerst fest

Bei Bouts-rimés wählt jemand eine Liste gereimter Wörter aus, bevor das Gedicht existiert. Die Zeilen müssen in der vorgegebenen Reihenfolge mit genau diesen Wörtern enden. Das Wörterbuch der Académie française führt den Begriff auf das 17. Jahrhundert zurück und beschreibt die Form als beliebtes Gesellschaftsspiel (Académie française).

Für eine schnelle Runde reichen vier Endwörter in zwei Reimpaaren. Alle haben fünf Minuten, um daraus vier Zeilen zu bauen. Anschließend werden die Versionen vorgelesen. Der Spaß entsteht daraus, wie viele verschiedene Wege zu denselben Enden führen.

Bouts-rimés eignen sich für Partys, Schulklassen und Schreibgruppen. Eine Person kann die Wörter vorgeben und eine andere schreiben. Oder mehrere lösen gleichzeitig dasselbe Reimrätsel.

4. Kettengedicht und Gruppensonett: eine Zeile pro Person

Ein Kettengedicht ist sofort erklärt. Eine Person schreibt eine Zeile, die nächste ergänzt sie, und das Gedicht wandert durch die Runde. Alle können den ganzen Text sehen, nur die letzte Zeile oder lediglich ein gemeinsames Thema.

Für ein Gruppensonett wird die Länge auf 14 Zeilen festgelegt und jede Zeile einer anderen Person gegeben. Eine kleinere Gruppe macht mehrere Runden. Die Sammlung von Schreibexperimenten der University of Pennsylvania schlägt zwei Varianten vor: Zeilen auf Karten sammeln und später ordnen oder nacheinander schreiben, sodass jeder den bisherigen Text kennt (University of Pennsylvania).

Das ist ein zugängliches Format für Unterricht und Workshops. Niemand muss mehr als eine Zeile lösen, trotzdem bleibt ein vollständiger Text zum Lesen und Besprechen. In einem geteilten Dokument kann die Kette mehrere Tage weiterlaufen.

5. Poesie-Stille-Post: die erhaltene Zeile verwandeln

Diese Variante übernimmt die allmähliche Veränderung aus der Stillen Post. Die erste Person schreibt eine Zeile, Wendung oder Strophe. Die nächste verändert sie und gibt nur die neue Fassung weiter. Die gesamte Folge wird erst am Ende sichtbar.

Für die Verwandlung kann eine Regel gelten: Rhythmus behalten, aber das Thema ändern; alle Bilder ersetzen; mit dem Gegenteil antworten; die Zeile aus dem Gedächtnis neu schreiben. Die University of Pennsylvania nennt Varianten für Gruppen vor Ort sowie für E-Mail- oder Nachrichtenketten.

Das Spiel macht Interpretation sichtbar. Besonders spannend ist der Vergleich zwischen Anfang und Ende, gefolgt von allen kleinen Verschiebungen dazwischen.

6. Gemeinschaftsgedicht: erst sammeln, dann gemeinsam ordnen

Bei einem Gemeinschaftsgedicht bleiben alle Stimmen sichtbar. Jede Person beantwortet dieselbe Frage mit einer Zeile. Danach sucht die Gruppe wiederkehrende Bilder, bestimmt Reihenfolge und Form, wählt einen Titel und liest das Ergebnis laut.

Genau so arbeitet das Community Poem Project der Academy of American Poets. Als mögliche Orte nennt es Klassenräume, Bibliotheken, Parks, Gemeinschaftsgruppen, Jugendprogramme, Zoom-Räume und öffentliche Installationen. Das Gedicht kann auf Papier, an einer Wand oder in einem geteilten Dokument entstehen (Academy of American Poets).

Hier ist nicht die Enthüllung wichtig, sondern das gemeinsame Redigieren. Die Gruppe entscheidet, was nebeneinander gehört, ohne alle Stimmen gleich klingen zu lassen. Das passt gut, wenn eine Gemeinschaft festhalten möchte, wie sie über einen Ort, ein Ereignis, eine Sorge oder eine Hoffnung spricht.

7. Rhyma: das Faltpapier-Spiel auf dem Handy

Rhyma überträgt die Idee des verborgenen Kontexts in ein asynchrones Handyspiel. Du siehst nur die vorherige Zeile, hast ungefähr drei Minuten und ergänzt 5 bis 66 Zeichen. Der vollständige Text öffnet sich für alle Beteiligten, sobald das Gedicht 4, 8, 12 oder 16 Zeilen erreicht.

Im World-Modus schreiben Unbekannte miteinander. In Circles lassen sich Freunde, Familie oder Kolleginnen und Kollegen einladen, während die Ein-Zeile-pro-Zug-Regel gleich bleibt. Jede Zeile stammt von einem Menschen und nicht von einer KI (Rhyma, Google Play).

Die Regeln gehören zur selben Familie wie Cadavre Exquis und das verborgene Kettengedicht. Das Handy verändert vor allem den Ort. Niemand muss im selben Raum oder zur selben Zeit wach sein. Ein Gedicht kann zwischen Städten weiterwandern und Tage später fertig zurückkehren.

Sieben Spiele im Überblick

Spiel Was ist sichtbar? Wichtigste Regel Geeigneter Ort
Cadavre Exquis Nichts oder ein kleiner Hinweis Frühere Beiträge verbergen Partys und Workshops
Renga oder Renku Das vorherige Glied Anknüpfen und dann wechseln Poesiegruppen und Korrespondenz
Bouts-rimés Die Reimwörter Vorgegebene Zeilenenden nutzen Unterricht und freundliche Wettbewerbe
Kettengedicht oder Gruppensonett Ganzer Text oder letzte Zeile Eine Zeile pro Zug Unterricht und geteilte Dokumente
Poesie-Stille-Post Nur die neueste Fassung Den erhaltenen Text verwandeln Kleingruppen, E-Mail oder Chat
Gemeinschaftsgedicht Alle gesammelten Zeilen Gemeinsam auswählen und ordnen Schulen und Gemeinschaftsorte
Rhyma Nur die vorherige Zeile Eine kurze Zeile in begrenzter Zeit Android, mit Unbekannten oder im privaten Circle

Welches Spiel passt zu eurer Gruppe?

Für fünf Minuten auf einer Party eignen sich Cadavre Exquis oder Bouts-rimés. Beide brauchen nur Papier und eine Regel, die in einen Satz passt.

Eine Schreibgruppe kann eine kurze Folge verknüpfter Verse ausprobieren. Sechs wechselnde Glieder reichen, um die Renga-Idee zu spüren, ohne sämtliche traditionellen Regeln beherrschen zu müssen.

Für eine Klasse oder eine Gemeinschaftsveranstaltung bieten sich Kettengedicht und Gemeinschaftsgedicht an. Alle bekommen eine klare Aufgabe. Danach lässt sich über Reihenfolge, Stimme und Bearbeitung sprechen.

Wenn die Gruppe nicht gleichzeitig zusammenkommen kann, funktionieren ein geteiltes Dokument, eine E-Mail-Kette oder ein Handyspiel wie Rhyma. Die alte Geste des Weiterreichens bleibt erhalten. Aus dem gefalteten Blatt ist nur eine Benachrichtigung geworden.

Häufige Fragen

Muss ein Gemeinschaftsgedicht sich reimen?

Nein. Bei Bouts-rimés ist der Reim das Rätsel. Cadavre Exquis, Kettengedichte, Gemeinschaftsgedichte und Rhyma können sich reimen oder darauf verzichten. Traditionelles Renga und Renku beruhen auf Verbindungen zwischen Gliedern und nicht auf Endreimen.

Wie viele Personen braucht man?

Zwei reichen für eine Kette oder ein kurzes verknüpftes Gedicht. Drei bis acht bringen mehr Abwechslung in ein Spiel mit verborgenem Kontext, ohne die Wartezeit zu lang zu machen. Ein Gemeinschaftsgedicht kann von einer ganzen Klasse oder einer viel größeren Gruppe stammen.

Ist Cadavre Exquis ein Zeichen- oder Schreibspiel?

Beides. Das surrealistische Spiel begann 1925 mit Text und wurde danach auf Zeichnungen übertragen. Beim Schreiben werden Wörter oder Zeilen verborgen, beim Zeichnen Teile eines Bildes.

Kann man gemeinsam online dichten?

Ja. Dafür eignen sich geteilte Dokumente, E-Mail, Gruppenchats, Browserräume und Handy-Apps. Manche Spiele finden live statt, andere lassen Stunden oder Tage zwischen zwei Zügen.

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Quellen

Alle Rhyma Artikel