RHYMA
Forschung

Warum ein Reim wie ein guter Grund klingt

Was Reime mit Glaubwürdigkeit zu tun haben, was Studien über Sprichwörter und Werbesprüche zeigen und warum schöne Endungen uns noch nicht weise machen.

„Tee am Morgen vertreibt die Sorgen.“

Klingt nach einer Lebensweisheit, die man gern neben den Wasserkocher hängt. Ohne Reim heißt derselbe Gedanke: „Wer morgens Tee trinkt, hat keine Sorgen mehr.“ Schon möchte man nachfragen. Welche Sorgen? Auch die Steuererklärung? Weiß der Tee von der Steuererklärung?

Das ist unser spielerisches Beispiel, kein Satz aus einem Experiment. Es führt zu einem Phänomen namens rhyme-as-reason effect: Gereimte Aussagen können überzeugender wirken, obwohl der Reim keine Belege hinzufügt.

Eine schief gezeichnete Krone über zwei gereimten Zeilen, daneben eine Lupe und ein Fragezeichen

Eine Weisheit muss zum Klangtest

In einer Studie von 2000 ließen Matthew McGlone und Jessica Tofighbakhsh beurteilen, wie treffend unbekannte Aphorismen menschliches Verhalten beschreiben. Gereimte Fassungen wurden mit umgeschriebenen Versionen verglichen, die die Bedeutung behielten, aber den Reim verloren.

Die gereimten Fassungen erhielten höhere Bewertungen. Gemessen wurde der Eindruck der Teilnehmenden, nicht die tatsächliche Wahrheit der Aussagen. Ein zustimmendes Nicken lässt sich in einem Fragebogen erfassen. Als Beleg taugt es weniger.

Die Autoren schlugen die Leichtigkeit der Verarbeitung als Erklärung vor: Was sich leicht lesen lässt, kann dadurch glaubwürdiger erscheinen. Das ist eine Deutung der Ergebnisse, keine Entdeckung einer eigenen Reimbehörde im Gehirn. Eine solche Behörde käme uns natürlich gelegen.

„Achte auf den Inhalt“ wirkt nicht immer

In derselben Studie schwächte ein Hinweis, Form und Inhalt auseinanderzuhalten, den Reimvorteil ab. Daraus könnte man schließen: Wer den Effekt kennt, ist dagegen gefeit.

Eine kroatische Studie von 2025 macht es weniger bequem. Mirjana Tonković und Tonka Marković untersuchten 153 Personen zwischen 18 und 25 Jahren. Sie bewerteten Sprichwörter und umgeschriebene Fassungen ohne Reim. Die Hälfte sollte sich ausschließlich auf den Inhalt konzentrieren.

Reime erhöhten die Bewertungen der Genauigkeit. Die Anweisung brachte jedoch nicht die erwartete Abschwächung. „Sei aufmerksam“ ist also kein garantierter Schutz.

Die Studien verwendeten unterschiedliche Materialien und Sprachen. Eine Gruppe junger Erwachsener in Kroatien steht nicht für alle Menschen; unser deutscher Beispielsatz wurde ebenfalls nicht getestet. Es geht um einen Effekt unter bestimmten Bedingungen, nicht um eine Fernbedienung für sämtliche Leser.

Auch ein Werbespruch bekommt eine Krone

In einer Werbestudie von 2013 verglichen Petra Filkuková und Sven Hroar Klempe erfundene Slogans mit und ohne Reim. Die Aufgabe machte einen Unterschied: Im ersten Experiment wurden gereimte kommerzielle Slogans unter anderem als überzeugender und vertrauenswürdiger bewertet. Bei gesellschaftlichen Kampagnen sah das Muster anders aus; im direkten Vergleich bevorzugten die Teilnehmenden die gereimten Fassungen beider Arten.

„Leicht zu merken“ war dabei eine Bewertung, kein Gedächtnistest. „Überzeugend“ bedeutete nicht, dass jemand etwas kaufte. Ein Fragebogen ist kein Kassenbon.

Den Reim einmal ausziehen lassen

Formuliere einen auffällig überzeugenden Spruch in einfachen Worten neu. Was behauptet er? Welche Belege wären dafür nötig?

Unser Teespruch braucht dann plötzlich Erklärungen. Der Reim liefert sie nicht. Diese Übung hilft beim Prüfen einer Aussage, ist aber kein wissenschaftlich garantierter Schutz vor dem Effekt.

Zum Spielen geht es auch andersherum: Gib einem offensichtlich albernen Rat einen feierlichen Reim. Unsere Reimarten und Reimschemata und Ideen für gemeinsame Gedichte helfen beim Einstieg. Das ist ein Spiel, keine Wiederholung des Experiments zu Hause.

Etwas peinlich, wenn man selbst Rhyma macht

Vor Reimen zu warnen wäre ein merkwürdiger Schluss für Leute, die zum gemeinsamen Gedichteschreiben einladen.

In Rhyma schreibst du mit begrenztem Kontext: Du siehst die letzte Zeile, das ganze Gedicht erst nach dem Abschluss. Jemand könnte deinen feierlichen Gedanken mit einer Gurke fortsetzen. Vielleicht passte sie zum Reim. Keine Gurke muss deine künstlerische Absicht verstehen.

Wenn unser gemeinsames Gedicht weise klingt, heißt das also noch nicht, dass jemand von uns weiß, was es bedeutet. Wir dürfen die zufällige Weisheit genießen und im Gedicht lassen. Für ernsthafte Schlussfolgerungen suchen wir etwas Belastbareres als passende Endungen.

Quellen

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